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Wie es Euch gefällt – Architektur und Lebensstil

Gesellschaftliche Entwicklung und Lebensstil: Die klassischen soziologischen „Lagemerkmale“ wie Bildung und Einkommen, die in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg für „Gesellschaftsdiagnosen“ herangezogen wurden, verloren in den letzten Jahrzehnten ihre Aussagekraft. Die heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind treffender durch Spannungsfelder beschrieben wie Vielschichtigkeit, Gleichzeitigkeit von scheinbaren Gegensätzen, Ent-Traditionalisierung und Individualisierung. Den Kategorien „Schicht“ oder „Klasse“ folgte so die Entwicklung eines jeweils persönlichen und alltagsrealistischen Lebensstils, wobei kollektive Konsum- und Inszenierungsmuster bedeutsame Bindungselemente darstellen. In unserer Gesellschaft geht es nicht mehr vorwiegend um das Überleben, sondern um das Erleben. Insofern ist nicht so sehr die persönliche Geldmenge zur „Lebensstilisierung“ relevant, sondern wofür sie ausgegeben wird. Als Indikatoren eines Lebensstils rücken damit zunehmend alltagsästhetische Gegenstände in den Analysefokus.

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Gesellschaftliche Trends und Architektur: Auch die Wohnungswirtschaft bezieht sich auf den Mehrwert „Erleben“. Wohnviertel und Wohnhäuser werden auf gruppenspezifische Wert- und Einstellungsdimensionen hin beworben. „Moderne Architektur“, „gediegenes Flair“ oder Metaphern von „Fernweh“ bzw. „Heimatnähe“ sind emotionale Anker und Traumwelten, mit denen potenzielle Hauskäufer semantisch umworben werden. Bei der landläufigen Wohnhausarchitektur zeigt sich ein ganz eigenes Bild: die alltäglichen Beobachtungen der Ausdifferenzierung der Lebensstile, der Vielschichtigkeit und der Ent-Traditionalisierung scheinen die Realität des Wohnhauses nicht zu erreichen. Die Wohnhaus-Ensembles erwecken den Eindruck einer gewissen Uniformität mit einer Absage an die architektonische Variation. Die strukturell eher einheitliche Architektur legt den Schluss nahe, dass es in Neubausiedlungen fast keine räumlich-architektonische Ausdifferenzierung und Bezüge zu den Lebensstilen ihrer Bewohner gibt. Diese Verräumlichungstaktik ließe potenziell auf uniforme und einfach zu durchschauende Lebensstile schließen.

Autor Marc Kirschbaum, Kai Schuster
titel Wie es Euch gefällt - Architektur und Lebensstil
Herausgeber Kay von Kaitz, Sabine Voggenreiter
Publikation plan 06 - wohnen 3
Jahr 2007
Seiten 78-85
Sprache Deutsch
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