Umbau mit Bestand

Radikaler Bestandismus: Über Theorie, Entwerfen und Bauen im Bestand

„In welchem Style sollen wir bauen?“ ist eine Frage nach Sinnsuche und der angemessenen architekturtheoretischen und -praktischen Antwort auf die kulturellen Gegebenheiten einer jeden Zeit. Heinrich Hübsch stellte sie 1828, mit dem Verlangen, die Allgemeingültigkeit des Alten – in seinem Falle der antiken Architektur – auf die Erfordernisse der damaligen Zeit zu prüfen (vgl. Kruft 2004), allem voran wegen der aufkommenden technologischen Entwicklung. Die Frage nach dem Stil, in dem zu bauen sei, würde heute kaum noch jemand stellen, zu vielfältig, unpräzise, gar negativ konnotiert ist dieser.

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Nichtsdestoweniger ist die Suche nach den angemessenen architektonischen Reaktionen auf die jeweilige Zeit natürlich immer zu stellen. Im 20. Jahrhundert wurden die Antworten mit großen Ideen gegeben, in dem im Dekadenwechsel neue „-ismen“ mit ideologischen Anspruch postuliert wurden. Erst Lyotard (1979) räumte schließlich mit dem Glauben an sämtliche Meta-Theorien und -Konzepte auf, indem er vom „Ende der großen Erzählungen“ sprach, was nichts anderes bedeutet, als dass die großen, auf alles anwendbaren Ideen das Besondere im Kontext unterminieren und speziell auf die Moderne abzielte. Das hat dazu geführt, dass architektonische Beschreibungskategorien heute, wenn überhaupt, mit Vorsicht verwendet werden. Dies ist ob der Komplexität heutiger Bauaufgaben einerseits angemessen, andererseits mangelt es dadurch aber gleichzeitig an klarem Profil, einer dezidierten Haltung oder es herrscht einfach nur eine gewisse Sprachlosigkeit über die Beschreibung des architektonischen Handelns. Neben den vielen heute existierenden Ansätzen und Richtungen, Architektur zu entwerfen, gibt es eine unsere Zeit prägende Entwicklung, die nach langer Zeit wieder einen „-ismus“ wert ist: Den „Bestandismus“, so könnte man das Bauen im Bestand etwas ideologisch überzeugter formulieren. Eine die Realität anerkennende Haltung, die der heutigen Zeit gerecht wird und diese begrifflich fasst. Der „Bestandismus“ lässt sich hinsichtlich heutiger Fragestellungen im Wesentlichen auf zwei Ebenen diskutieren: erstens auf einer architekturtheoretischen und zweitens auf einer handlungsorientierten.

Autor Marc Kirschbaum
titel Radikaler Bestandismus: Über Theorie, Entwerfen und Bauen im Bestand
Herausgeber Alexander Eichenlaub, Thomas Pristl
Publikation Umbau mit Bestand. Nachhaltige Anpassungsstrategien für Bauten, Räume und Strukturen
Verlag Reimer Verlag, Berlin
Jahr 2012
Seiten 141-159
Sprache Deutsch
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